Glimpse Forensik: Live-Response

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Forensik: Live-Response

Ein kompromittiertes System liefert die meisten Spuren, solange es läuft. Prozesse, offene Netzwerkverbindungen und gelöschte Binaries existieren nur im laufenden Betrieb – ein Neustart oder das Ziehen des Steckers vernichtet sie unwiderruflich.

Merksatz: Der Stecker vernichtet mehr Beweise als der Angreifer.

Reihenfolge der Flüchtigkeit

Nach RFC 3227 wird von flüchtig nach dauerhaft gesichert:

  • Arbeitsspeicher, Prozesse, Netzwerkverbindungen
  • Laufende Dateizugriffe, temporäre Dateisysteme
  • Festplatte
  • Backups, Logserver

Vorbereitung

Alles mitprotokollieren – Ausgabe und Zeitpunkt gehören zusammen
  • script -t 2> /tmp/live.timing /tmp/live.log

script zeichnet die komplette Terminalsitzung auf – alles, was du tippst, und alles, was ausgegeben wird, landet in der Datei /tmp/live.log. Ab dem Aufruf bis zum exit.

Systemzeit festhalten, lokal und in UTC
  • date
  • date -u
Uhrzeitabweichung zum Zeitserver notieren
  • chronyc tracking

Prozesse

Prozessbaum ansehen – die Eltern-Kind-Beziehung verrät den Einstiegspunkt
  • ps auxf
Auffälliger Prozess
gestartet von www-data, Elternprozess ist der Webserver
  • ps -eo pid,ppid,user,lstart,cmd

Netzwerkverbindungen

Alle Verbindungen mit zugehörigem Prozess
  • ss -tunap
Lauschende Dienste – hier taucht die Reverse Shell auf
  • ss -tlnp

Offene Dateien

Welche Dateien hält der verdächtige Prozess offen
  • lsof -p PID
Wer greift auf das Webverzeichnis zu
  • lsof +D /var/www

Gelöschte Binaries wiederfinden

Ein gelöschtes Programm bleibt so lange auf der Platte, wie der Prozess läuft. Der Kernel hält den Verweis in /proc offen.

Pfad des Programms – "(deleted)" ist der Treffer
  • ls -l /proc/PID/exe
Kopie sichern, bevor der Prozess endet
  • cp /proc/PID/exe /mnt/beweise/binary.bin
Hash bilden und notieren
  • sha256sum /mnt/beweise/binary.bin
Arbeitsverzeichnis und Umgebung des Prozesses
  • ls -l /proc/PID/cwd
  • tr '\0' '\n' < /proc/PID/environ

Was man nicht tun sollte

  • Das System neu starten oder ausschalten
  • Auf dem betroffenen System Pakete nachinstallieren
  • Beweise auf die betroffene Platte schreiben – immer auf einen externen Datenträger
  • Dateien öffnen oder kopieren, ohne die Zugriffszeiten vorher gesichert zu haben

Ausblick

Die hier gesicherten Daten sind nur die Spitze. Die eigentliche Analyse folgt post mortem auf einem schreibgeschützten Abbild – mit Zeitachse, Persistenzmechanismen und der Korrelation zu den Alarmen aus Suricata und Wazuh.