Nftables und layer2 Firewall: Unterschied zwischen den Versionen
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=Vorab= | =Vorab= | ||
;Bei Virtualisierungen Bridge Ports auf Promisc setzen | ;Bei Virtualisierungen Bridge Ports auf Promisc setzen | ||
| − | *Dies erlaubt der virtuellen Netzwerkkarte, auch Pakete zu empfangen, die nicht an ihre MAC-Adresse gerichtet sind | + | *Dies erlaubt der virtuellen Netzwerkkarte, auch Pakete zu empfangen, die nicht an ihre MAC-Adresse gerichtet sind - notwendig für den Bridge-Betrieb. |
[[Datei:Vm-promisc-1.png]] | [[Datei:Vm-promisc-1.png]] | ||
| + | ;VirtualBox | ||
| + | *Unter "Erweitert" den Promiscuous Mode auf "Allow All" stellen (siehe Bild). | ||
| + | ;Proxmox/KVM | ||
| + | *An der Linux-Bridge des Hosts ist nichts einzustellen. | ||
| + | *Ist die Proxmox-Firewall für die VM aktiv, muss dort der MAC-Filter ausgeschaltet werden, sonst werden fremde MAC-Adressen verworfen. | ||
| + | ;In der VM selbst | ||
| + | *Die Bridge schaltet ihre Ports beim Hochfahren automatisch in den Promiscuous Mode, hier ist nichts zu tun. | ||
=Was ist eine Layer 2 Firewall?= | =Was ist eine Layer 2 Firewall?= | ||
*Eine normale Firewall arbeitet auf Layer 3 (IP-Ebene) und benötigt eine IP-Adresse im Datenpfad. | *Eine normale Firewall arbeitet auf Layer 3 (IP-Ebene) und benötigt eine IP-Adresse im Datenpfad. | ||
| − | *Eine Layer 2 Firewall greift dagegen auf Ethernet-Ebene (MAC) | + | *Eine Layer 2 Firewall greift dagegen auf Ethernet-Ebene (MAC) - sie kann '''transparent''' zwischen zwei Netzwerksegmente gestellt werden, ohne eine eigene IP-Adresse im Datenpfad zu benötigen. |
*Der Datenverkehr läuft über eine Bridge, die nftables zur Filterung nutzt. | *Der Datenverkehr läuft über eine Bridge, die nftables zur Filterung nutzt. | ||
| + | *Die Clients merken von der Firewall nichts: Gateway, Adressen und Subnetz bleiben unverändert. | ||
=Installation der Bridgeutils= | =Installation der Bridgeutils= | ||
*apt install bridge-utils | *apt install bridge-utils | ||
| + | *Das Paket liefert die Skripte, mit denen ifupdown die Optionen bridge_ports, bridge_fd und bridge_stp auswertet. | ||
=/etc/network/interfaces= | =/etc/network/interfaces= | ||
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iface vmbr0 inet manual | iface vmbr0 inet manual | ||
bridge_ports enp0s8 enp0s9 | bridge_ports enp0s8 enp0s9 | ||
| − | bridge_fd | + | bridge_fd 0 |
bridge_stp no | bridge_stp no | ||
</pre> | </pre> | ||
;Hinweise zur Konfiguration | ;Hinweise zur Konfiguration | ||
| − | ;bridge_fd | + | ;enp0s3: |
| − | * | + | *Management-Interface mit eigener IP-Adresse. Es liegt '''nicht''' in der Bridge und wird später separat abgesichert. |
| + | ;vmbr0 inet manual: | ||
| + | *Die Bridge bekommt bewusst keine IP-Adresse - sie arbeitet rein transparent. | ||
| + | ;bridge_fd 0: | ||
| + | *Forward Delay. Er wird nur bei aktivem STP genutzt: Die Ports durchlaufen dann die Zustände Listening und Learning, bevor sie Pakete weiterleiten. | ||
| + | *Ohne STP schaltet der Kernel die Ports sofort auf Forwarding. Der Wert 0 macht das explizit. | ||
;bridge_stp no: | ;bridge_stp no: | ||
*STP (Spanning Tree Protocol) ist deaktiviert. Da nur zwei Ports vorhanden sind, ist kein Loop möglich und STP nicht notwendig. | *STP (Spanning Tree Protocol) ist deaktiviert. Da nur zwei Ports vorhanden sind, ist kein Loop möglich und STP nicht notwendig. | ||
| + | ;Bridge starten | ||
*ifup vmbr0 | *ifup vmbr0 | ||
| + | |||
| + | =Kontrolle der Bridge= | ||
| + | ;Welche Ports gehören zur Bridge und in welchem Zustand sind sie? | ||
| + | *bridge link show | ||
| + | ;Welche MAC-Adressen hat die Bridge an welchem Port gelernt? (FDB) | ||
| + | *bridge fdb show br vmbr0 | grep -v permanent | ||
=Bridge-Filterung= | =Bridge-Filterung= | ||
==Arten von Bridge-Ketten== | ==Arten von Bridge-Ketten== | ||
| − | *Die Bridge-Familie bietet | + | *Die Bridge-Familie bietet fünf Kettenarten (Hooks): |
;prerouting: | ;prerouting: | ||
*Hier können Pakete vor der Forward-Datenbank (FDB) Entscheidung gefiltert werden. | *Hier können Pakete vor der Forward-Datenbank (FDB) Entscheidung gefiltert werden. | ||
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;forward: | ;forward: | ||
*Diese Hook filtert Pakete, die von einem Bridge-Port eingehen und an einen anderen Bridge-Port geliefert werden (der Bridge-Weiterleitungspfad). | *Diese Hook filtert Pakete, die von einem Bridge-Port eingehen und an einen anderen Bridge-Port geliefert werden (der Bridge-Weiterleitungspfad). | ||
| − | *'''Im vorliegenden Szenario wird ausschließlich diese Chain genutzt''' | + | *'''Im vorliegenden Szenario wird ausschließlich diese Chain genutzt''' - die Bridge hat keine IP-Adresse im Datenpfad, es wird rein gebridged. |
;output: | ;output: | ||
*Hier können Pakete gefiltert werden, die vom IP-Stack kommen und deren Ziel ein Bridge-Port ist. | *Hier können Pakete gefiltert werden, die vom IP-Stack kommen und deren Ziel ein Bridge-Port ist. | ||
;postrouting: | ;postrouting: | ||
*Hier können Pakete gefiltert werden, die entweder vom IP-Stack kommen oder von einem anderen Bridge-Port weitergeleitet werden. | *Hier können Pakete gefiltert werden, die entweder vom IP-Stack kommen oder von einem anderen Bridge-Port weitergeleitet werden. | ||
| + | |||
| + | ==Bridge-Familie und br_netfilter== | ||
| + | *Gebridgte Pakete laufen normalerweise '''nur''' durch die Ketten der Bridge-Familie, nicht durch ip/inet-Tabellen. | ||
| + | *Ist jedoch das Kernelmodul br_netfilter geladen (z.B. automatisch durch Docker), laufen sie zusätzlich durch die ip/inet-Hooks. Das führt zu schwer nachvollziehbaren Effekten. | ||
| + | *Kontrolle: | ||
| + | lsmod | grep br_netfilter | ||
| + | *Keine Ausgabe bedeutet: Modul nicht geladen, alles in Ordnung. | ||
=ARP= | =ARP= | ||
*ARP ist im Gegensatz zur Layer 3 Firewall '''nicht''' automatisch freigeschaltet und muss explizit erlaubt werden. | *ARP ist im Gegensatz zur Layer 3 Firewall '''nicht''' automatisch freigeschaltet und muss explizit erlaubt werden. | ||
| + | *Eine Layer 3 Firewall sieht ARP gar nicht, weil ARP kein IP-Protokoll ist. Die Bridge sieht dagegen jeden Ethernet-Frame. | ||
*Ohne ARP-Freischaltung ist keine Kommunikation im Netz möglich, da MAC-Adressen nicht aufgelöst werden können. | *Ohne ARP-Freischaltung ist keine Kommunikation im Netz möglich, da MAC-Adressen nicht aufgelöst werden können. | ||
*Beispiel zum Akzeptieren von ARP-Paketen: <code>nft add rule bridge filter forward ether type arp accept</code> | *Beispiel zum Akzeptieren von ARP-Paketen: <code>nft add rule bridge filter forward ether type arp accept</code> | ||
=Zustandsabhängige Filterung= | =Zustandsabhängige Filterung= | ||
| − | *Die Bridge-Familie unterstützt Connection Tracking (Verbindungsverfolgung). | + | *Die Bridge-Familie unterstützt Connection Tracking (Verbindungsverfolgung), ab Kernel 5.3. |
*Durch Matching auf den Verbindungsstatus (<code>ct state</code>) können bestehende Verbindungen automatisch durchgelassen werden, ohne jede Richtung explizit freizuschalten. | *Durch Matching auf den Verbindungsstatus (<code>ct state</code>) können bestehende Verbindungen automatisch durchgelassen werden, ohne jede Richtung explizit freizuschalten. | ||
| + | ;Die wichtigsten Zustände | ||
| + | ;new: | ||
| + | *Erstes Paket einer Verbindung. | ||
| + | ;established: | ||
| + | *Paket gehört zu einer bereits bekannten Verbindung. | ||
| + | ;related: | ||
| + | *Paket gehört zu einer bekannten Verbindung, ist aber eine eigene (z.B. ICMP-Fehlermeldung zu einer TCP-Verbindung). | ||
| + | ;invalid: | ||
| + | *Paket lässt sich keiner Verbindung zuordnen oder ist fehlerhaft. Solche Pakete werden verworfen. | ||
| + | ;Besonderheit in der Bridge | ||
| + | *Connection Tracking gibt es hier nur für IP. Frames ohne IP (z.B. ARP, VLAN-getaggte Frames, STP) haben keinen Verbindungsstatus und gelten für nftables als '''invalid'''. | ||
| + | *Deshalb muss die ARP-Regel '''vor''' der Regel <code>ct state invalid drop</code> stehen. | ||
=Bridge Firewall= | =Bridge Firewall= | ||
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*<code>enp0s8</code> ist die '''offene''' Seite (z.B. Richtung Internet/unsicheres Netz) | *<code>enp0s8</code> ist die '''offene''' Seite (z.B. Richtung Internet/unsicheres Netz) | ||
*<code>enp0s9</code> ist die '''gefilterte''' Seite (z.B. internes Netz) | *<code>enp0s9</code> ist die '''gefilterte''' Seite (z.B. internes Netz) | ||
| − | *Policy ist <code>drop</code> | + | *<code>enp0s3</code> ist das Management-Interface |
| + | *Policy ist <code>drop</code> - alles was nicht explizit erlaubt ist, wird verworfen | ||
| + | *Die Datei enthält zwei Tabellen: | ||
| + | **<code>bridge filter</code> filtert den Verkehr durch die Bridge | ||
| + | **<code>inet mgmt</code> schützt die Firewall selbst über das Management-Interface | ||
*cat /etc/nftables.conf | *cat /etc/nftables.conf | ||
<pre> | <pre> | ||
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define open = enp0s8 | define open = enp0s8 | ||
define filter = enp0s9 | define filter = enp0s9 | ||
| + | define mgmt = enp0s3 | ||
| + | define mgmtnet = 10.0.10.0/24 | ||
flush ruleset | flush ruleset | ||
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# ARP freischalten (beide Richtungen notwendig) | # ARP freischalten (beide Richtungen notwendig) | ||
| + | # muss vor "ct state invalid drop" stehen | ||
iif $open ether type arp accept | iif $open ether type arp accept | ||
iif $filter ether type arp accept | iif $filter ether type arp accept | ||
| − | #### ICMP von filter nach open freischalten | + | # Kaputte oder nicht zuordenbare Pakete verwerfen |
| + | ct state invalid drop | ||
| + | |||
| + | #### ICMP von filter nach open freischalten | ||
#iif $filter oif $open ip protocol icmp ct state new accept | #iif $filter oif $open ip protocol icmp ct state new accept | ||
| − | #### DNS von filter nach open freischalten | + | #### DNS von filter nach open freischalten (UDP und TCP) |
#iif $filter oif $open udp dport 53 ct state new accept | #iif $filter oif $open udp dport 53 ct state new accept | ||
| + | #iif $filter oif $open tcp dport 53 ct state new accept | ||
#### HTTP von filter nach open freischalten | #### HTTP von filter nach open freischalten | ||
| Zeile 108: | Zeile 160: | ||
#### HTTPS von filter nach open freischalten | #### HTTPS von filter nach open freischalten | ||
#iif $filter oif $open tcp dport 443 ct state new accept | #iif $filter oif $open tcp dport 443 ct state new accept | ||
| + | |||
| + | #### DHCP: Clients auf der filter-Seite, Server auf der open-Seite | ||
| + | #iif $filter oif $open udp sport 68 udp dport 67 accept | ||
| + | #iif $open oif $filter udp sport 67 udp dport 68 accept | ||
#### Alles von open nach filter freischalten | #### Alles von open nach filter freischalten | ||
| Zeile 113: | Zeile 169: | ||
# Abgelehnte Pakete loggen (sichtbar mit journalctl) | # Abgelehnte Pakete loggen (sichtbar mit journalctl) | ||
| − | log prefix " nft-drop" | + | # begrenzt auf 10 Meldungen pro Sekunde |
| + | limit rate 10/second log prefix " nft-drop" | ||
| + | } | ||
| + | } | ||
| + | |||
| + | table inet mgmt { | ||
| + | chain input { | ||
| + | type filter hook input priority 0; policy drop; | ||
| + | |||
| + | ct state established,related accept | ||
| + | ct state invalid drop | ||
| + | iif lo accept | ||
| + | |||
| + | # SSH nur aus dem Management-Netz | ||
| + | iif $mgmt ip saddr $mgmtnet tcp dport 22 ct state new accept | ||
| + | |||
| + | # Ping auf die Management-Adresse | ||
| + | iif $mgmt icmp type echo-request accept | ||
} | } | ||
} | } | ||
</pre> | </pre> | ||
| + | ;Hinweis zur Reihenfolge | ||
| + | *Die Regeln werden von oben nach unten abgearbeitet, das erste accept oder drop beendet die Prüfung. | ||
| + | *established,related steht ganz oben, weil die meisten Pakete zu bestehenden Verbindungen gehören - das spart Rechenzeit. | ||
;Hinweis zu ICMP | ;Hinweis zu ICMP | ||
| − | *Die ICMP-Regel matcht nur IPv4. | + | *Die ICMP-Regel matcht nur IPv4. IPv6 wird in diesem Szenario nicht betrachtet. |
| − | ;Hinweis zum Log | + | ;Hinweis zu DNS |
| − | *Das führende Leerzeichen in <code>" nft-drop"</code> ist Absicht | + | *DNS nutzt normalerweise UDP. Bei großen Antworten (z.B. DNSSEC) weicht es auf TCP aus. Ohne die TCP-Regel schlagen solche Anfragen scheinbar zufällig fehl. |
| + | ;Hinweis zu DHCP | ||
| + | *Die DHCP-Regeln werden nur gebraucht, wenn Clients auf der gefilterten Seite ihre Adresse von einem Server auf der offenen Seite beziehen. | ||
| + | *Connection Tracking hilft hier nicht: Der Client fragt per Broadcast an, die Antwort des Servers passt daher zu keiner bekannten Verbindung. Deshalb werden beide Richtungen ohne ct state freigeschaltet. | ||
| + | ;Hinweis zu VLANs | ||
| + | *VLAN-getaggte Frames werden durch die Policy verworfen. Sollen getaggte Frames die Bridge passieren, sind eigene Regeln nötig. Das ist nicht Teil dieses Szenarios. | ||
| + | ;Hinweis zum Log | ||
| + | *Das führende Leerzeichen in <code>" nft-drop"</code> ist Absicht - es verbessert die Lesbarkeit im Kernel-Log. | ||
| + | *Die Begrenzung per limit verhindert, dass Broadcasts das Journal fluten. Pakete über dem Limit werden trotzdem verworfen, nur nicht mehr geloggt. | ||
| + | ;Hinweis zum Management | ||
| + | *Die Tabelle inet mgmt betrifft nur Pakete an die Firewall selbst. Der gebridgte Verkehr läuft nicht durch sie. | ||
| + | *<code>mgmtnet</code> an das eigene Management-Netz anpassen. | ||
=Regel Handling= | =Regel Handling= | ||
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;Löschen der Regeln | ;Löschen der Regeln | ||
*nft flush ruleset | *nft flush ruleset | ||
| + | ;Regeln beim Booten laden | ||
| + | *systemctl enable --now nftables | ||
| + | *Der Dienst lädt beim Start /etc/nftables.conf. | ||
| − | =Live Log der Regel | + | =Achtung: Fail-open= |
| + | *Eine Bridge ohne Regelwerk leitet '''alles''' weiter. Die Firewall ist dann ein einfaches Kabel. | ||
| + | *Das passiert: | ||
| + | **nach <code>nft flush ruleset</code> | ||
| + | **wenn der Dienst nftables nicht aktiviert ist | ||
| + | **wenn /etc/nftables.conf einen Syntaxfehler hat und nicht geladen wird | ||
| + | *Nach jeder Änderung daher mit <code>nft list ruleset</code> prüfen, ob das Regelwerk wirklich aktiv ist. | ||
| + | *Syntax vorher testen, ohne zu laden: | ||
| + | nft -c -f /etc/nftables.conf | ||
| + | |||
| + | =Live Log der Regel Verstöße= | ||
*journalctl -f -t kernel -g "nft-drop" | *journalctl -f -t kernel -g "nft-drop" | ||
| + | |||
| + | =Verbindungen beobachten= | ||
| + | *apt install conntrack | ||
| + | ;Alle erfassten Verbindungen anzeigen | ||
| + | *conntrack -L | ||
| + | ;Neue Verbindungen live verfolgen | ||
| + | *conntrack -E | ||
| + | |||
| + | =Fehlersuche mit Trace= | ||
| + | *Mit nftrace lässt sich der Weg eines Pakets Regel für Regel verfolgen. | ||
| + | *Eine zusätzliche Chain markiert die interessierenden Pakete, hier ICMP: | ||
| + | nft add chain bridge filter trace '{ type filter hook prerouting priority 0; }' | ||
| + | nft add rule bridge filter trace ip protocol icmp meta nftrace set 1 | ||
| + | *In einem zweiten Terminal mitlesen: | ||
| + | nft monitor trace | ||
| + | *Die Ausgabe zeigt für jedes markierte Paket jede durchlaufene Regel und das Ergebnis (accept/drop). | ||
| + | *Zum Entfernen einfach das Regelwerk neu laden: | ||
| + | nft -f /etc/nftables.conf | ||
| + | |||
| + | =Übung= | ||
| + | *Regelwerk wie oben laden, alle mit #### markierten Regeln sind auskommentiert. | ||
| + | *Parallel den Live-Log laufen lassen. | ||
| + | ;Schritt 1 | ||
| + | *Von einem Client auf der gefilterten Seite das Gateway anpingen. Was passiert, was steht im Log? | ||
| + | *ICMP-Regel aktivieren, neu laden, erneut testen. | ||
| + | ;Schritt 2 | ||
| + | *Mit <code>dig</code> eine Namensauflösung testen, dann die DNS-Regeln aktivieren. | ||
| + | ;Schritt 3 | ||
| + | *Mit <code>curl</code> eine HTTP- und eine HTTPS-Seite abrufen, dann die Regeln für Port 80 und 443 aktivieren. | ||
| + | ;Schritt 4 | ||
| + | *Mit <code>conntrack -L</code> die entstandenen Verbindungen ansehen. | ||
| + | *Warum kommt die Antwort des Webservers durch, obwohl es keine Regel von open nach filter gibt? | ||
| + | ;Schritt 5 | ||
| + | *Die beiden ARP-Regeln auskommentieren und neu laden. Was passiert mit bestehenden und mit neuen Verbindungen? | ||
| + | *Tipp: <code>ip neigh flush all</code> auf dem Client leert den ARP-Cache. | ||
| + | ;Schritt 6 | ||
| + | *Den Dienst nftables stoppen bzw. <code>nft flush ruleset</code> ausführen und erneut testen. Was bedeutet das für den Betrieb? | ||
=Weiterführende Artikel= | =Weiterführende Artikel= | ||
*[[nftables schnellstart]] | *[[nftables schnellstart]] | ||
Version vom 30. September 2026, 17:12 Uhr
Vorab
- Bei Virtualisierungen Bridge Ports auf Promisc setzen
- Dies erlaubt der virtuellen Netzwerkkarte, auch Pakete zu empfangen, die nicht an ihre MAC-Adresse gerichtet sind - notwendig für den Bridge-Betrieb.
- VirtualBox
- Unter "Erweitert" den Promiscuous Mode auf "Allow All" stellen (siehe Bild).
- Proxmox/KVM
- An der Linux-Bridge des Hosts ist nichts einzustellen.
- Ist die Proxmox-Firewall für die VM aktiv, muss dort der MAC-Filter ausgeschaltet werden, sonst werden fremde MAC-Adressen verworfen.
- In der VM selbst
- Die Bridge schaltet ihre Ports beim Hochfahren automatisch in den Promiscuous Mode, hier ist nichts zu tun.
Was ist eine Layer 2 Firewall?
- Eine normale Firewall arbeitet auf Layer 3 (IP-Ebene) und benötigt eine IP-Adresse im Datenpfad.
- Eine Layer 2 Firewall greift dagegen auf Ethernet-Ebene (MAC) - sie kann transparent zwischen zwei Netzwerksegmente gestellt werden, ohne eine eigene IP-Adresse im Datenpfad zu benötigen.
- Der Datenverkehr läuft über eine Bridge, die nftables zur Filterung nutzt.
- Die Clients merken von der Firewall nichts: Gateway, Adressen und Subnetz bleiben unverändert.
Installation der Bridgeutils
- apt install bridge-utils
- Das Paket liefert die Skripte, mit denen ifupdown die Optionen bridge_ports, bridge_fd und bridge_stp auswertet.
/etc/network/interfaces
auto lo
iface lo inet loopback
auto enp0s3
iface enp0s3 inet static
address 10.0.10.11/24
gateway 10.0.10.1
auto enp0s8
iface enp0s8 inet manual
auto enp0s9
iface enp0s9 inet manual
auto vmbr0
iface vmbr0 inet manual
bridge_ports enp0s8 enp0s9
bridge_fd 0
bridge_stp no
- Hinweise zur Konfiguration
- enp0s3
- Management-Interface mit eigener IP-Adresse. Es liegt nicht in der Bridge und wird später separat abgesichert.
- vmbr0 inet manual
- Die Bridge bekommt bewusst keine IP-Adresse - sie arbeitet rein transparent.
- bridge_fd 0
- Forward Delay. Er wird nur bei aktivem STP genutzt: Die Ports durchlaufen dann die Zustände Listening und Learning, bevor sie Pakete weiterleiten.
- Ohne STP schaltet der Kernel die Ports sofort auf Forwarding. Der Wert 0 macht das explizit.
- bridge_stp no
- STP (Spanning Tree Protocol) ist deaktiviert. Da nur zwei Ports vorhanden sind, ist kein Loop möglich und STP nicht notwendig.
- Bridge starten
- ifup vmbr0
Kontrolle der Bridge
- Welche Ports gehören zur Bridge und in welchem Zustand sind sie?
- bridge link show
- Welche MAC-Adressen hat die Bridge an welchem Port gelernt? (FDB)
- bridge fdb show br vmbr0 | grep -v permanent
Bridge-Filterung
Arten von Bridge-Ketten
- Die Bridge-Familie bietet fünf Kettenarten (Hooks):
- prerouting
- Hier können Pakete vor der Forward-Datenbank (FDB) Entscheidung gefiltert werden.
- Die FDB liefert den Bridge-Port, der für eine bestimmte Ziel-MAC-Adresse verwendet wird.
- Wenn es noch keinen Eintrag in der FDB für eine gegebene Ziel-MAC gibt, werden die Pakete an alle Bridge-Ports geflutet.
- Nach der FDB-Entscheidung können Pakete entweder dem Eingangs- oder dem Weiterleitweg folgen.
- input
- Hier können Pakete gefiltert werden, die an den IP-Stack übergeben werden.
- Wenn die Bridge-Schnittstelle eine IP-Adresse hat und Pakete an diese IP-Adresse gehen, folgen die Pakete diesem Pfad (die Pakete verlassen die Bridge und treten in den IP-Stack ein).
- forward
- Diese Hook filtert Pakete, die von einem Bridge-Port eingehen und an einen anderen Bridge-Port geliefert werden (der Bridge-Weiterleitungspfad).
- Im vorliegenden Szenario wird ausschließlich diese Chain genutzt - die Bridge hat keine IP-Adresse im Datenpfad, es wird rein gebridged.
- output
- Hier können Pakete gefiltert werden, die vom IP-Stack kommen und deren Ziel ein Bridge-Port ist.
- postrouting
- Hier können Pakete gefiltert werden, die entweder vom IP-Stack kommen oder von einem anderen Bridge-Port weitergeleitet werden.
Bridge-Familie und br_netfilter
- Gebridgte Pakete laufen normalerweise nur durch die Ketten der Bridge-Familie, nicht durch ip/inet-Tabellen.
- Ist jedoch das Kernelmodul br_netfilter geladen (z.B. automatisch durch Docker), laufen sie zusätzlich durch die ip/inet-Hooks. Das führt zu schwer nachvollziehbaren Effekten.
- Kontrolle:
lsmod | grep br_netfilter
- Keine Ausgabe bedeutet: Modul nicht geladen, alles in Ordnung.
ARP
- ARP ist im Gegensatz zur Layer 3 Firewall nicht automatisch freigeschaltet und muss explizit erlaubt werden.
- Eine Layer 3 Firewall sieht ARP gar nicht, weil ARP kein IP-Protokoll ist. Die Bridge sieht dagegen jeden Ethernet-Frame.
- Ohne ARP-Freischaltung ist keine Kommunikation im Netz möglich, da MAC-Adressen nicht aufgelöst werden können.
- Beispiel zum Akzeptieren von ARP-Paketen:
nft add rule bridge filter forward ether type arp accept
Zustandsabhängige Filterung
- Die Bridge-Familie unterstützt Connection Tracking (Verbindungsverfolgung), ab Kernel 5.3.
- Durch Matching auf den Verbindungsstatus (
ct state) können bestehende Verbindungen automatisch durchgelassen werden, ohne jede Richtung explizit freizuschalten.
- Die wichtigsten Zustände
- new
- Erstes Paket einer Verbindung.
- established
- Paket gehört zu einer bereits bekannten Verbindung.
- related
- Paket gehört zu einer bekannten Verbindung, ist aber eine eigene (z.B. ICMP-Fehlermeldung zu einer TCP-Verbindung).
- invalid
- Paket lässt sich keiner Verbindung zuordnen oder ist fehlerhaft. Solche Pakete werden verworfen.
- Besonderheit in der Bridge
- Connection Tracking gibt es hier nur für IP. Frames ohne IP (z.B. ARP, VLAN-getaggte Frames, STP) haben keinen Verbindungsstatus und gelten für nftables als invalid.
- Deshalb muss die ARP-Regel vor der Regel
ct state invalid dropstehen.
Bridge Firewall
Regeln
- Konzept
enp0s8ist die offene Seite (z.B. Richtung Internet/unsicheres Netz)enp0s9ist die gefilterte Seite (z.B. internes Netz)enp0s3ist das Management-Interface- Policy ist
drop- alles was nicht explizit erlaubt ist, wird verworfen - Die Datei enthält zwei Tabellen:
bridge filterfiltert den Verkehr durch die Bridgeinet mgmtschützt die Firewall selbst über das Management-Interface
- cat /etc/nftables.conf
#!/usr/sbin/nft -f
define open = enp0s8
define filter = enp0s9
define mgmt = enp0s3
define mgmtnet = 10.0.10.0/24
flush ruleset
table bridge filter {
chain forward {
type filter hook forward priority 0; policy drop;
# Bestehende Verbindungen durchlassen (Connection Tracking)
ct state established,related accept
# ARP freischalten (beide Richtungen notwendig)
# muss vor "ct state invalid drop" stehen
iif $open ether type arp accept
iif $filter ether type arp accept
# Kaputte oder nicht zuordenbare Pakete verwerfen
ct state invalid drop
#### ICMP von filter nach open freischalten
#iif $filter oif $open ip protocol icmp ct state new accept
#### DNS von filter nach open freischalten (UDP und TCP)
#iif $filter oif $open udp dport 53 ct state new accept
#iif $filter oif $open tcp dport 53 ct state new accept
#### HTTP von filter nach open freischalten
#iif $filter oif $open tcp dport 80 ct state new accept
#### HTTPS von filter nach open freischalten
#iif $filter oif $open tcp dport 443 ct state new accept
#### DHCP: Clients auf der filter-Seite, Server auf der open-Seite
#iif $filter oif $open udp sport 68 udp dport 67 accept
#iif $open oif $filter udp sport 67 udp dport 68 accept
#### Alles von open nach filter freischalten
#iif $open oif $filter ct state new accept
# Abgelehnte Pakete loggen (sichtbar mit journalctl)
# begrenzt auf 10 Meldungen pro Sekunde
limit rate 10/second log prefix " nft-drop"
}
}
table inet mgmt {
chain input {
type filter hook input priority 0; policy drop;
ct state established,related accept
ct state invalid drop
iif lo accept
# SSH nur aus dem Management-Netz
iif $mgmt ip saddr $mgmtnet tcp dport 22 ct state new accept
# Ping auf die Management-Adresse
iif $mgmt icmp type echo-request accept
}
}
- Hinweis zur Reihenfolge
- Die Regeln werden von oben nach unten abgearbeitet, das erste accept oder drop beendet die Prüfung.
- established,related steht ganz oben, weil die meisten Pakete zu bestehenden Verbindungen gehören - das spart Rechenzeit.
- Hinweis zu ICMP
- Die ICMP-Regel matcht nur IPv4. IPv6 wird in diesem Szenario nicht betrachtet.
- Hinweis zu DNS
- DNS nutzt normalerweise UDP. Bei großen Antworten (z.B. DNSSEC) weicht es auf TCP aus. Ohne die TCP-Regel schlagen solche Anfragen scheinbar zufällig fehl.
- Hinweis zu DHCP
- Die DHCP-Regeln werden nur gebraucht, wenn Clients auf der gefilterten Seite ihre Adresse von einem Server auf der offenen Seite beziehen.
- Connection Tracking hilft hier nicht: Der Client fragt per Broadcast an, die Antwort des Servers passt daher zu keiner bekannten Verbindung. Deshalb werden beide Richtungen ohne ct state freigeschaltet.
- Hinweis zu VLANs
- VLAN-getaggte Frames werden durch die Policy verworfen. Sollen getaggte Frames die Bridge passieren, sind eigene Regeln nötig. Das ist nicht Teil dieses Szenarios.
- Hinweis zum Log
- Das führende Leerzeichen in
" nft-drop"ist Absicht - es verbessert die Lesbarkeit im Kernel-Log. - Die Begrenzung per limit verhindert, dass Broadcasts das Journal fluten. Pakete über dem Limit werden trotzdem verworfen, nur nicht mehr geloggt.
- Hinweis zum Management
- Die Tabelle inet mgmt betrifft nur Pakete an die Firewall selbst. Der gebridgte Verkehr läuft nicht durch sie.
mgmtnetan das eigene Management-Netz anpassen.
Regel Handling
- Laden der Regeln
- nft -f /etc/nftables.conf
- Kontrolle der Regeln
- nft list ruleset
- Löschen der Regeln
- nft flush ruleset
- Regeln beim Booten laden
- systemctl enable --now nftables
- Der Dienst lädt beim Start /etc/nftables.conf.
Achtung: Fail-open
- Eine Bridge ohne Regelwerk leitet alles weiter. Die Firewall ist dann ein einfaches Kabel.
- Das passiert:
- nach
nft flush ruleset - wenn der Dienst nftables nicht aktiviert ist
- wenn /etc/nftables.conf einen Syntaxfehler hat und nicht geladen wird
- nach
- Nach jeder Änderung daher mit
nft list rulesetprüfen, ob das Regelwerk wirklich aktiv ist. - Syntax vorher testen, ohne zu laden:
nft -c -f /etc/nftables.conf
Live Log der Regel Verstöße
- journalctl -f -t kernel -g "nft-drop"
Verbindungen beobachten
- apt install conntrack
- Alle erfassten Verbindungen anzeigen
- conntrack -L
- Neue Verbindungen live verfolgen
- conntrack -E
Fehlersuche mit Trace
- Mit nftrace lässt sich der Weg eines Pakets Regel für Regel verfolgen.
- Eine zusätzliche Chain markiert die interessierenden Pakete, hier ICMP:
nft add chain bridge filter trace '{ type filter hook prerouting priority 0; }'
nft add rule bridge filter trace ip protocol icmp meta nftrace set 1
- In einem zweiten Terminal mitlesen:
nft monitor trace
- Die Ausgabe zeigt für jedes markierte Paket jede durchlaufene Regel und das Ergebnis (accept/drop).
- Zum Entfernen einfach das Regelwerk neu laden:
nft -f /etc/nftables.conf
Übung
- Regelwerk wie oben laden, alle mit #### markierten Regeln sind auskommentiert.
- Parallel den Live-Log laufen lassen.
- Schritt 1
- Von einem Client auf der gefilterten Seite das Gateway anpingen. Was passiert, was steht im Log?
- ICMP-Regel aktivieren, neu laden, erneut testen.
- Schritt 2
- Mit
digeine Namensauflösung testen, dann die DNS-Regeln aktivieren.
- Schritt 3
- Mit
curleine HTTP- und eine HTTPS-Seite abrufen, dann die Regeln für Port 80 und 443 aktivieren.
- Schritt 4
- Mit
conntrack -Ldie entstandenen Verbindungen ansehen. - Warum kommt die Antwort des Webservers durch, obwohl es keine Regel von open nach filter gibt?
- Schritt 5
- Die beiden ARP-Regeln auskommentieren und neu laden. Was passiert mit bestehenden und mit neuen Verbindungen?
- Tipp:
ip neigh flush allauf dem Client leert den ARP-Cache.
- Schritt 6
- Den Dienst nftables stoppen bzw.
nft flush rulesetausführen und erneut testen. Was bedeutet das für den Betrieb?

