SELinux auf Debian: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 28. Juli 2026, 17:14 Uhr
SELinux statt AppArmor auf Debian
Diese Seite dokumentiert die Migration von AppArmor zu SELinux auf it2XX und die anschließende Evaluierung für sshd, Apache2 und nginx.
Hintergrund
Im Rahmen der Kursvorbereitung wurde AppArmor auf Basis eines Praxistests mit dem sshd-Profil aus apparmor-profiles-extra evaluiert. Dabei zeigten sich mehrere strukturelle Schwächen:
- Das mitgelieferte sshd-Profil ist laut Debian-Paketbeschreibung explizit als experimentell gekennzeichnet und nicht für den enforce-Mode vorgesehen
- Nach dem OpenSSH-Split (Version 9.8, sshd-session als separater Prozess) war das Profil nicht mehr aktuell und musste manuell über mehrere
aa-logprof-Durchläufe nachgezogen werden aa-logprofkann journald nicht nativ lesen; ohne zusätzlich installiertes rsyslog schlägt die Log-Auswertung fehl- Die generierten Vorschläge waren teils unpassend (z. B. Vorschlag von
abstractions/apache2-commonfür einen SSH-Prozess)
Daraus folgt die Entscheidung, AppArmor zu entfernen und SELinux als MAC-System auf Debian einzusetzen und für sshd, Apache2 und optional nginx zu evaluieren.
AppArmor entfernen
- Dienst stoppen und deaktivieren
- systemctl stop apparmor
- systemctl disable apparmor
- Pakete entfernen
- apt purge apparmor apparmor-utils apparmor-profiles apparmor-profiles-extra python3-apparmor python3-libapparmor
- apt autoremove
- AppArmor im Kernel deaktivieren
Bootparameter prüfen:
- cat /proc/cmdline | grep -i apparmor
Falls kein expliziter Parameter gesetzt ist, in /etc/default/grub ergänzen:
GRUB_CMDLINE_LINUX_DEFAULT="... apparmor=0"
- GRUB-Konfiguration neu erstellen und neu starten
- update-grub
- reboot
SELinux installieren
- Pakete installieren
- apt install selinux-basics selinux-policy-default auditd
- SELinux aktivieren
- selinux-activate
- reboot
Beim ersten Boot nach der Aktivierung wird das komplette Dateisystem relabelt. Dieser Vorgang kann je nach Systemgröße mehrere Minuten dauern.
- Enforcing-Modus prüfen
Wie bei Rocky wird direkt im enforcing Modus gearbeitet, kein Umweg über permissive:
- getenforce
Erwartet: Enforcing (Standard nach der Aktivierung). Falls nicht, dauerhaft in /etc/selinux/config setzen:
SELINUX=enforcing
und neu starten.
Evaluierung: sshd
Das ssh-Policy-Modul wird von der Standard-Policy automatisch anhand des installierten Pakets geladen.
- Paket sicherstellen
- apt install openssh-server
- Kontext prüfen
- ps -eZ | grep sshd
- ls -Z /usr/sbin/sshd
Erwarteter Typ: sshd_t für den Prozess, sshd_exec_t für die Binary.
- Denials nach Testlogin auswerten
- ausearch -m avc -c sshd
Port ändern (Beispiel: 2222)
- Modus prüfen
- getenforce
- Port in der Konfiguration setzen
- cat /etc/ssh/sshd_config
Port 2222 ...
- Neustart (schlägt ohne Port-Label fehl)
- systemctl restart ssh
- Denial prüfen
- ausearch -m avc -ts recent
- Aktuell zugelassene Ports prüfen
- semanage port -l | grep ssh_port_t
- Port-Label ergänzen
- semanage port -a -t ssh_port_t -p tcp 2222
- Neustart erneut
- systemctl restart ssh
- Login-Test auf dem neuen Port
- ssh -p 2222 user@it2XX
Hinweis: Bei semanage-Operationen erscheint häufig die Meldung libsemanage.add_user: user sddm not in password file. Das ist ein bekanntes, kosmetisches Problem der Debian-Paketierung der Default-Policy (sddm-User existiert auf Headless-Servern nicht) und kann ignoriert werden — der eigentliche Befehl läuft trotzdem durch.
Evaluierung: Apache2
Das httpd-Policy-Modul deckt Apache2 unter Debian standardmäßig ab.
- Paket installieren
- apt install apache2
- systemctl restart apache2
- Kontext prüfen
- ps -eZ | grep apache2
Erwarteter Typ: httpd_t.
- Vorhandene Port-Labels prüfen
- semanage port -l | grep http_port_t
Custom Webroot einrichten
- Verzeichnis anlegen
- mkdir -p /srv/kurswebsite
- mkdir -p /srv/kurswebsite/uploads
- Testinhalt anlegen
- echo "Kurswebsite it2XX" > /srv/kurswebsite/index.html
- vHost anlegen
- vim /etc/apache2/sites-available/kurswebsite.conf
<VirtualHost *:80>
ServerName it2XX.int
DocumentRoot /srv/kurswebsite
<Directory /srv/kurswebsite>
Options Indexes FollowSymLinks
AllowOverride None
Require all granted
</Directory>
</VirtualHost>
- vHost aktivieren
- a2ensite kurswebsite.conf
- a2dissite 000-default.conf
- systemctl reload apache2
Zugriff vor dem Labeling testen (Denial provozieren)
- Test von der Kommandozeile
- curl -I http://it2XX.int/
Erwartet an dieser Stelle: 403 Forbidden, obwohl die klassischen Unix-Rechte (Owner, Gruppe, Permissions) korrekt gesetzt sind — das Verzeichnis trägt noch keinen SELinux-Kontext für Apache.
- Denial im Audit-Log bestätigen
- ausearch -m avc -ts recent -c httpd
- Aktuellen (falschen) Kontext ansehen
- ls -Zd /srv/kurswebsite
Erwarteter (falscher) Typ an dieser Stelle: default_t oder var_t, je nach übergeordnetem Verzeichnis — jedenfalls nicht httpd_sys_content_t.
Kontext dauerhaft setzen
Niemals chcon verwenden, sondern dauerhaft über semanage fcontext:
- semanage fcontext -a -t httpd_sys_content_t "/srv/kurswebsite(/.*)?"
- restorecon -Rv /srv/kurswebsite
- Kontext erneut prüfen
- ls -Zd /srv/kurswebsite
Erwarteter Typ jetzt: httpd_sys_content_t.
- Zugriff erneut testen
- curl -I http://it2XX.int/
Erwartet: 200 OK.
Upload-Verzeichnis mit Schreibzugriff
Für das Unterverzeichnis uploads reicht Lesezugriff nicht — Apache soll dort schreiben dürfen (z. B. für eine Formularanwendung).
- Eigenen Kontext für uploads setzen
- semanage fcontext -a -t httpd_sys_rw_content_t "/srv/kurswebsite/uploads(/.*)?"
- restorecon -Rv /srv/kurswebsite/uploads
- Kontext prüfen
- ls -Zd /srv/kurswebsite/uploads
Erwarteter Typ: httpd_sys_rw_content_t.
- Boolean prüfen und ggf. setzen
Der Boolean httpd_unified hebt die Trennung zwischen Lese- und Schreibkontexten teilweise auf und sollte für dieses Szenario deaktiviert bleiben, damit die Trennung sichtbar bleibt:
- getsebool httpd_unified
- setsebool -P httpd_unified off
- Schreibtest (z. B. über die Anwendung oder testweise als www-data)
- sudo -u www-data touch /srv/kurswebsite/uploads/test.txt
- ls -l /srv/kurswebsite/uploads/
- Bei Fehlschlag
- Denials prüfen
- ausearch -m avc -ts recent -c httpd
HTTPS mit eigenem Zertifikat
- Zertifikat und Key ablegen
- ls -l /etc/ssl/own.crt /etc/ssl/own.key
- SELinux-Kontext der Zertifikatsdateien prüfen
- ls -Z /etc/ssl/own.crt /etc/ssl/own.key
Erwarteter Typ: cert_t, da /etc/ssl bereits standardmäßig darauf gelabelt ist. Falls die Dateien von woanders hierher kopiert wurden (statt z. B. per mv innerhalb von /etc/ssl verschoben), kann der Kontext vom Ursprungsort geerbt worden sein und muss korrigiert werden:
- restorecon -v /etc/ssl/own.crt /etc/ssl/own.key
- mod_ssl aktivieren
- a2enmod ssl
- vHost für Port 443 ergänzen
- vim /etc/apache2/sites-available/kurswebsite.conf
<VirtualHost *:443>
ServerName it2XX.int
DocumentRoot /srv/kurswebsite
SSLEngine on
SSLCertificateFile /etc/ssl/own.crt
SSLCertificateKeyFile /etc/ssl/own.key
<Directory /srv/kurswebsite>
Options Indexes FollowSymLinks
AllowOverride None
Require all granted
</Directory>
</VirtualHost>
- Apache neu laden
- systemctl reload apache2
- Port-Label prüfen
- semanage port -l | grep http_port_t
Port 443 ist im Standardzustand bereits als http_port_t gelabelt, üblicherweise ist hier kein manueller Eingriff nötig.
- Zugriff testen
- curl -Ik https://it2XX.int/
- Bei Fehlschlag
- Denials prüfen
- ausearch -m avc -ts recent -c httpd
Häufigste Ursache bei SSL-Denials: der Boolean httpd_read_user_content oder ein falsch gelabelter Key/Cert-Pfad außerhalb von /etc/ssl bzw. /etc/pki. In dem Fall:
- semanage fcontext -a -t cert_t "/etc/ssl/own\.(crt|key)"
- restorecon -v /etc/ssl/own.crt /etc/ssl/own.key
Redirect von Port 80 auf 443
- mod_rewrite aktivieren
- a2enmod rewrite
- Port-80-vHost auf Redirect umstellen
- vim /etc/apache2/sites-available/kurswebsite.conf
<VirtualHost *:80>
ServerName it2XX.int
RewriteEngine On
RewriteCond %{HTTPS} off
RewriteRule ^(.*)$ https://%{HTTP_HOST}$1 [R=301,L]
</VirtualHost>
<VirtualHost *:443>
ServerName it2XX.int
DocumentRoot /srv/kurswebsite
SSLEngine on
SSLCertificateFile /etc/ssl/own.crt
SSLCertificateKeyFile /etc/ssl/own.key
<Directory /srv/kurswebsite>
Options Indexes FollowSymLinks
AllowOverride None
Require all granted
</Directory>
</VirtualHost>
- Apache neu laden
- systemctl reload apache2
- Redirect testen
- curl -I http://it2XX.int/
Erwartet: 301 Moved Permanently mit Location: https://it2XX.int/.
- Vollständigen Redirect-Durchlauf testen
- curl -IL http://it2XX.int/
Erwartet: erst 301, dann 200 OK nach dem Folgen des Redirects.
SELinux-seitig ist hier normalerweise kein weiterer Eingriff nötig, da beide Ports (80 und 443) bereits als http_port_t gelabelt sind und der Redirect selbst keine zusätzlichen Datei- oder Netzwerkzugriffe außerhalb des bestehenden httpd_t-Kontexts benötigt. Falls trotzdem ein Denial auftritt:
- ausearch -m avc -ts recent -c httpd
Evaluierung: nginx
Für nginx existiert kein natives Policy-Modul in Debians selinux-policy-default. Zwei Optionen stehen zur Wahl:
- Community-Modul (z. B. simple10/selinux-nginx von GitHub) kompilieren und einspielen
- nginx unter dem bestehenden
httpd_t-Kontext laufen lassen
- Ist-Zustand nach Installation prüfen
- apt install nginx
- ps -eZ | grep nginx
Falls der Prozess als unconfined_t läuft oder Denials auftreten, ist das die erwartete Lücke, die dokumentiert werden soll.
- Denials auswerten, falls vorhanden
- ausearch -m avc -c nginx
- audit2why -a
Vergleichstabelle (auszufüllen nach Testlauf)
| Dienst | Natives Policy-Modul | Setup-Aufwand | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| sshd | ja, automatisch | niedrig | |
| Apache2 | ja, automatisch | niedrig | |
| nginx | nein, nur Community | mittel-hoch |
Offene Punkte
- nginx-Community-Modul testen und Ergebnis dokumentieren
- Empfehlung für den Kurs formulieren, sobald alle drei Dienste durchgetestet sind
- Vergleich mit dem AppArmor-Verhalten aus dem ursprünglichen Test (siehe Hintergrund) im Fazit gegenüberstellen